Ein Element der Leerstelle
Auszug
Ein Vibrieren unter der Oberfläche ihres Körpers. Etwas regungsloses, das nicht leblos war. Vergangene Zeit, die ihre Arme ausstreckt. It has no future but itself. Tastende Sätze. Knochen flüstern. Worte, die aus einem harten Material bestehen. Wie Stein. Die scharfen Kanten reißen ihren Unterbauch auf. Endometrium. Nur ihre eigene Geschichte kann sie nicht rekonstruieren.
Als wir uns zum ersten Mal begegneten, machte ich mir nicht die Mühe, mich dir vorzustellen. Weil ich nicht wusste, dass du bleiben würdest. Du hattest recht, es ist keine schöne Art mit jemandem umzugehen.
Du besuchtest mich mitten in der Nacht, warst sanft wie das Mondlicht.
Ich hätte dir Fragen stellen sollen. Wie du mich gefunden hast. Da hätten wir noch auf der Matratze springen und tanzen können. Ich habe dir von Anfang an nicht alles gegeben, mir meine Kräfte eingeteilt. Das nimmst du mir bis heute übel.
Du klopfst in der Nacht an mein Fenster wie die wogenden Zweige der Kastanie. Du bist ein höflicher Dieb.
Mal stiehlst du mir nur einen Tag, mal drei Wochen am Stück.
Du bist eine Bewegung: schleichen, poltern, drücken und ziehen.
Du siehst mich fragend an. Wir flüstern einander zu in schlaflosen Nächten. Wir schreien nie, aber am Ende bekommst du doch das, was du möchtest. Teile meines Körpers, ein neues Organ, von dem ich nicht wusste, dass ich es spüren kann.
Nur mein Herz gebe ich dir nicht. Noch nicht. Du hast bereits meinen Uterus und meinen Darm. Ich sage nicht, dass du gierig bist, aber sieh selbst.
Deine Worte sind schleimig und wandern durch meinen Körper.
Ich stoße dich jeden Monat ab. Immerhin hast du an diesen Tagen eine Form.
Es gab Monate, in denen ich nicht mehr essen konnte. Du hast mir den Appetit verdorben. In dieser Zeit war es still. Du hast dich in mich zurückgezogen. Das Blut ging und nahm dich mit. Deine Abwesenheit verschaffte mir Zeit zum Atmen. Ich traute diesem Frieden nicht. Diese zerbrechlichen Zweige, die ich als Arme und Beine mit mir herumtrug. War zu verschwinden die einzige Lösung, um dich mir vom Leib zu halten? Als meine Traurigkeit einige Monate später ging, kehrte die Röte in meine Wangen zurück. Es dauerte nicht lang, da warst du wieder da.
Ich erkannte dich an deinem spöttischen Lachen, an deinem Speichel, der auf meinen Wangen landete.
Du erscheinst als verfilztes Haar am Hinterkopf, als fester Knoten, als Windzug in der Kastanie und als verspannter Muskel.
Du bist ein Instagram Slide, den ich nicht lesen möchte.
Du lässt mich auf den Fliesen im Badezimmer knien. Lässt meine Finger verzweifelt ins Laken greifen. Nicht einmal das gestehst du mir zu. Meine Hände werden Fäuste.
An einem Morgen im November stellte ich mich in einem zu großen Shirt unter die Kastanie im Innenhof. Nicht einmal einen Mantel hatte ich mir übergeworfen. Es war genug. Du hattest eine Grenze überschritten. Am Tag zuvor kam ich aus dem Krankenhaus zurück und ich rief dich zum ersten Mal bei deinem Namen. Ich glaube, du warst erschrocken darüber. Du zeigtest dich nicht. Ich hörte nur ein Rascheln in den vertrockneten Sträuchern. Etwas bewegte sich unter den Laubschichten am Boden. Du hast deine Ohren gespitzt genau wie es die Nachbarskatze tut, wenn sie sich meiner Anwesenheit bewusst wird. Gefrorene Winterluft. Ich habe dich an deinen unsichtbaren Schultern gepackt und so standen wir uns gegenüber. Ich trat mit voller Kraft gegen die Rinde der Kastanie. Holzstücke fielen zu Boden. Die Kruste löste sich. Du hieltst den Atem an, wusstest nicht, ob du lachen oder weinen sollst. Du krochst davon, bewaffnet mit stachligen Geisterhüllen. Ich kroch dir hinterher, um sie dir zu entreißen. Es sollte zum ersten Mal schneien an diesem Tag, aber es schneite nicht.
Ihr Körper war das Anagramm eines anderen Körpers, der sich als unsichtbare Hülle mitbewegte. Sie wusste, dass so ihr Leben zu Nebel werden konnte. Es war keine Magie, kein Zauber. Es gab Zufälle und Bruchstücke. Was konnte sie noch sein? Unverständlich bleiben. Ein Rätsel aus aneinandergereihten Buchstaben, um sich vor anderen zu schützen. Um sich vor dir zu schützen. Sie hatte lange nicht an ihren Prioritäten gezweifelt. Hatte sie eine Wahl, wenn es um dich ging? Eines Tages fragte sie sich, ob sie sich auf diese Weise auch vor bedingungsloser Liebe schützte.
In ihrem Gedicht “The Mystery of Pain” schrieb Emily Dickinson: Pain has an element of blank;/ It cannot recollect/ When it began, or if there were/A day when it was not. Ich habe keine Angst, nicht vor der Unausweichlichkeit, über die sie hier schreibt.
Ich hielt mich an anderen Stellen des Gedichts auf, grübelte über Details.
Schon als du mich ein zweites Mal besucht hast (da nannte ich unsere gemeinsame Zeit noch Besuch), ahnte ich, dass ich dich nicht so leicht wieder loswerden würde.
Die Vorstellung einer Abwesenheit ohne Spuren kam mir nie in den Sinn.
Es entsprach weder deinem Wesen noch meinem.
Es war das Erste, was du mir beigebracht hast. Es gibt noch weiteres Wissen, das du mich gelehrt hast. Aber spiel dich bitte nicht als Lehrerin auf. Ich hätte auch gut ohne dieses Wissen leben können. Mir hätte es an nichts gefehlt.
Hör mir zu. Ich möchte kein viktorianisches Zeitalter. Ich möchte deine Weisheiten nicht. Ich möchte keine Geisterhüllen.
Was mich schon seit Stunden beschäftigt, ist das element of blank. Wie soll ich mir diese Leere vorstellen? Wie eine abstrakte Leerstelle oder ein Leerzeichen im Text? Eine Zahnlücke, die ich beim Sprechen vor anderen verberge? Eine Pause?
Du konntest nur müde darüber lachen. Mach doch was du willst, sagtest du und löstest dich in der Winterluft auf. Das tust du in letzter Zeit häufiger und ich deutete es als ein Zeichen für deine Langeweile.
Breitet sich Schleimhaut aus. Nach innen ranken wie der Efeu. Ihre Tagträume des vergangenen Sommers schon lange vertrocknet in Untertöpfen. Sie stößt ihren fehlenden Umriss ab. Nadeln hängen als Schatten herab. Hält ein Tier Winterschlaf in ihr? Sie darf den Riss nicht mit Knospen verwechseln. Es wächst, aber es ist kein Kind. Erst auf den zweiten Blick ist die Luft gefroren.
Rot ist die Winterbeere und fäulende Nässe. Der Klappstuhl für den Sperrmüll. Eine Idee an kalten Tagen. Rot ist die Farbe eines Alptraums mitten in der Nacht, hohe Geschwindigkeit, und der Bezug meiner Wärmflasche. Rot ist der hohe Puls beim Laufen. Ein wild pochendes Herz, das auf der Suche ist. Rot ist die Farbe meiner Notlügen. Die Worte, die ich in mir verwahre, obwohl sie aus meinem Körper fließen möchten. Ein schriller Ton einer sonst monotonen Stimme. Rot sind Risse in trockenen Lippen. Aber auch die Haut hinter der Wölbung von Unterlippen, die innen liegt und nur manchmal beim Lachen oder Sprechen aufscheint. Eine geplatzte Ader in meinen Tagträumen. Rot ist eine Farbe, die am liebsten als Sprenkel existiert. Über eine leere Seite versprengt. Wie ich mitten im Telefonat auflege. Wenn ich vergesse, jemanden zum Geburtstag zu gratulieren, wird das Rot unausweichlich. Rot ist ein ich gehe noch nicht nachhause, ich möchte durch die Straßen ziehen. Ein Dach aus Ziegeln über einer Erinnerung. Rot ist kein Foto. Sondern der runde Auslöser auf einer Polaroidkamera. Ein Streit, den ich vermeide, weil ich lächle und meine Scham. Fleckiges Rot. Eine Zugfahrt in der Dämmerung, in der Entfernung Verkehrslichter. Rot ist Musik, die ich beim Einkaufen höre, um die verstreuten Geräusche zu übertönen. Eine 2 Cent Münze stehlen, die ich zu meinen Geheimnissen in der linken Manteltasche lege. Rot ist die Farbe der Selbsttäuschung. Wie ich mir sage, dass die Farbe mehr ist als die Unmengen an Blut, die aus mir herausfließen. Dass es ein anderes Leben ist. Dass es zwei Leben gibt. Aber Rot sagt mir es gibt nur ein Leben, es gibt keinen Platz für Mehrdeutigkeit. Du sitzt auf meiner Schulter. Die Worte überschlagen sich. Ich bin hier und ich blute und ich kann hier nicht weg und





<3
dieser text ist so so toll, wow!